Deep Story: Ein Werkzeugkasten für Kreativschaffende

Wie lassen sich Besuchererlebnisse entwickeln, die nicht nur informieren oder unterhalten, sondern das Interesse, die Haltung oder im besten Fall sogar das Verhalten des Gastes nachhaltig verändern? Dieser Frage geht Bob Rogers, Gründer von BRC Imagination Arts und prägende Persönlichkeit der internationalen Freizeitpark- und Unterhaltungsbranche, in seinem neuen Buch „Deep Story“ nach, das am 8. September 2026 erscheint. Sein Anspruch ist hoch: Rogers möchte Kreativschaffenden – auch außerhalb der Freizeitbranche – einen praktischen Werkzeugkasten an die Hand geben, mit dem sich sogenannte „transformational visitor attractions“ („tiefgreifend beeindruckende Besucherattraktionen“) entwickeln lassen.

Buchautor Bob Rogers © Bob Rogers Im Zentrum steht dabei die Idee der „invitational transformation“ („einladende Transformation“): Anders als bei einer Veränderung, die ein Mensch bereits bewusst anstrebt, soll ein solches Erlebnis die Besucher dazu einladen, ein neues oder stärkeres Interesse an einem Thema, einer Marke, einem Ort oder einer Aktivität zu entwickeln – „they can turn the disinterested into fans and fans into advocates“. Ziel ist es also nicht, dem Besucher eine bestimmte Haltung „aufzuzwingen“, sondern eine emotionale Verbindung anzustoßen, die der Gast im besten Fall selbst für sich entdeckt. Die Kunst bestehe darin, eine bereits angelegte Verbindung zwischen Besuchern und Thema oder Marke freizulegen – „Find, don’t invent!“ („Finden, nicht er-finden!“) – auch wenn dem Besucher diese zuvor gar nicht bewusst war. Rogers spricht davon, das „Herz“ des Publikums mit dem „Herzen“ der Attraktion, der Marke oder des Themas zu verbinden – sodass beim Besucher am Ende das Gefühl entsteht, aus eigener Erfahrung zu dieser Verbindung oder Erkenntnis gelangt zu sein.

Wie sich eine solche Transformation gestalterisch erreichen lässt, beschreibt Rogers unter anderem mit dem Begriff „Story-making“. Anders als beim klassischen Storytelling soll der Besucher eine Geschichte nicht nur erzählt bekommen, sondern einen eigenen Platz in ihr einnehmen. Story-making versteht Rogers als partizipativen Prozess, der berücksichtigt, wie Menschen eine Attraktion oder ein Erlebnis betreten, sich darin bewegen und mit ihm physisch wie emotional interagieren. Die Geschichte wird dabei nicht nachträglich über ein bestehendes Konzept gelegt, sondern soll als grundlegende Struktur sämtliche Elemente des Erlebnisses prägen.

Dass diese Prinzipien nicht nur theoretische Gedankenspiele sind, zeigt Rogers anhand zahlreicher Beispiele aus der Praxis. Der ehemalige Disney-Imagineer schöpft dabei aus seiner jahrzehntelangen Erfahrung und erläutert seine Überlegungen anhand realisierter BRC-Projekte, persönlicher Erlebnisse sowie Begegnungen mit Branchenkollegen (und -legenden), was seinen Ausführungen ein hohes Maß an Authentizität verleiht. Zugleich blickt Rogers bewusst über das eigene berufliche Umfeld hinaus: Klassische Literaturwerke, populäre Erzähltraditionen sowie Fachbücher und Gedanken anderer Autoren dienen ihm ebenfalls dazu, seine Methoden zu veranschaulichen. Diese Mischung aus eigener Projekterfahrung, Branchenwissen und literarischen Referenzen macht die vorgestellten Prinzipien nachvollziehbar und sorgt zugleich dafür, dass sich das Buch trotz seines fachlichen Anspruchs ausgesprochen unterhaltsam liest.

In sieben Teilen entwickelt Rogers eine Reihe von Denkmodellen, Methoden und Leitprinzipien. Besonders prägnant ist sein Grundsatz, mit dem gewünschten Ergebnis bzw. Ziel eines Projekts zu beginnen. Bevor Architektur, Gestaltung oder Technik festgelegt werden, müsse klar sein, was der Besucher anschließend anders denken, fühlen oder tun soll. Instrumente wie das „Objective Statement“ und das „Mission Statement“ oder Leitgedanken wie „Target the disinterested” („Richte dich an die Desinteressierten“) helfen dabei, diese Zielsetzung konsequent in die Gestaltung zu übersetzen. Nicht die Marke, das Erlebnis oder der Designer sollen im Mittelpunkt stehen, sondern der Besucher selbst.

Auch der Transfer in die Praxis gelingt gut. Rogers – selbst ein Meister des Storytellings – veranschaulicht seine Methoden anhand zahlreicher realer Projekte, Zeichnungen und konkreter Entwicklungsschritte. Dadurch wird nachvollziehbar, wie sich seine Prinzipien auf die Projekte des Lesers übertragen lassen, ohne dass das Buch den Anspruch erhebt, dafür ein starres Konzept vorzugeben. Zum Abschluss appelliert Rogers an den gesunden Menschenverstand seiner Leser und daran, die präsentierten Werkzeuge verantwortungsvoll und im besten Sinne positiv einzusetzen.

Nicht jeder Gedanke in Deep Story ist neu. Erfahrenen Branchenpraktikern dürfte vertraut sein, dass ein Erlebnis vom Besucher aus gedacht werden sollte, eine klare Zielsetzung benötigt wird, Emotionen nachhaltiger wirken können als eine bloße Ansammlung von Fakten, und letztlich immer auch das operative Personal entscheidend dafür ist, welchen Eindruck ein Gast von einem Erlebnis mitnimmt. Die Stärke des Buchs liegt vielmehr darin, eigene wie bekannte Prinzipien einzuordnen, zu verdichten und sie konsequent auf die gewünschte Transformation des Besuchers auszurichten.

Genau das macht das Buch zu einem „Must Read“ für Freizeitprofessionals. Für Experience Designer, Kreativschaffende, Storyteller, aber auch für Betreiber und Projektteams von Freizeit- und Besucherattraktionen bietet Deep Story zahlreiche praxisrelevante Impulse. Wer kein fertiges Rezept erwartet, sondern Methoden sucht, um kreative Entwicklungsprozesse zu hinterfragen, zu strukturieren und konsequenter aus Sicht des Besuchers zu denken, findet in Rogers‘ Buch einen gleichermaßen fundierten wie inspirierenden Werkzeugkasten.

Rogers, Bob: Deep Story. A Complete Guide to Creating Transformational Visitor Attractions. Peter E. Randall Publisher, 2026, 193 Seiten.